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Kunst und Pädagogik

Alle haben es getan. Bach, Mozart, Ellington, Weill, Sting. Und doch wird so selten darüber geredet. Ist es denn so ein schreckliches Geheimnis? Ein Tabu? Egal, wir sprechen es mal aus: Musiker unterrichten. So, jetzt ist es raus. Die meisten Musiker, die Miete zahlen, haben Instrumentalschüler, dirigieren Laien-Chöre oder leiten Feuerwehr-Big-Bands. Zugegeben: Das strengt zuweilen an. Manchmal bereitet es ein großes Vergnügen. Aber die meiste Zeit ist es normal. Trotzdem trifft man hin und wieder auf Kollegen, denen es unangenehm ist, darüber zu reden, dass sie „es“ tun: Unterrichten.

Der Gegensatz von Kunst und Pädagogik: Wer an einer Musikhochschule studiert, lernt ihn schnell kennen und fügt sich demütig in eine scheinbar Gott gegebene Hierarchie ein. Am größten ist das Renommee der rein künstlerischen Abschlüsse. Es folgen die Instrumental-Pädagogen und Schlusslicht sind die Schulmusiker. Es gilt die Regel: Je mehr Pädagogik, desto weniger Ansehen. Tragischerweise heißt es jedoch später außerhalb des Mikrokosmos Musikhochschule: Je mehr Pädagogik, desto mehr Festanstellung. Und da knicken manchmal sogar die wildesten Künstlernaturen ein. Dankbar nimmt man dann ein Quereinsteiger-Angebot an einer Gesamtschule an, oder zieht in eine ländlich abgelegene Region, um noch eine der seltenen Festanstellungen an einer Musikschule zu ergattern. Oder es bahnt sich schon während des Studiums eine Verbindung von kulturellem und BAT-Kapital an: Diplom-Jazz-Posaunist heiratet Schulmusikerin. Oft treffen sich die alten Kommilitonen mit ihren künstlerischen, instrumentalpädagogischen und Schulmusik-Abschlüssen am Kaffeeautomat einer Musikschule wieder.

Groß ist die Kunst, klein der Mikrokosmos. Draußen in der freien Wildbahn fallen die Unterscheidungen weniger subtil aus. All die feinen Begrifflichkeiten, die für Musiker auf der Skala persönlicher Eitelkeiten unendlich weit voneinander entfernt liegen, erscheinen den meisten Leuten so unverständlich wie die Gesundheits-Reform. „Musikschule oder Musikhochschule – gibt es da einen Unterschied?“ „Diplom-Schlagzeuger, aha – Kann man das wirklich studieren?“ Wer schon mal auf einem Juristen-Ball gespielt hat, wo manche Leute erst in den Beifall einstimmen, nachdem sie sich vergewissert haben, dass ihr Vorgesetzter auch applaudiert, sollte dankbar dafür sein, dass künstlerische Hierarchien eher feinnervig verlaufen. Und die meisten Leute behandeln Musiker ohnehin gleichwertig: Im wunderschönen Monat Mai, an einem Samstag irgendwo auf dem Land; zur Familienfeier spielt ein Streichquartett, eine Jazz-Combo oder eine Cover-Band. Zur Begrüßung fällt dann oft der Satz: „Ah, da kommen die Musikanten!“

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