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Kleine Instrumentenkunde

Kleine Instrumentenkunde

Wenn ich vor fünf Jahren mit Veranstaltern wegen einer kommerziellen Mucke (Hotel, Hochzeit, Ausstellung) telefonierte, galt es erst mal rauszufinden, ob eine Besetzung mit Gesang oder rein instrumental gewünscht wurde. Im letzteren Fall fiel es nie schwer, ein verlockendes Angebot zu machen: Möglichst beiläufig erwähnte ich das Instrument, von dem ich aus Erfahrung wusste, dass es alle Veranstalterherzen sofort höher schlagen lässt: „Ich könnte Ihnen da eine Besetzung mit Saxophon anbieten.“ Ein unschlagbares Argument, schon waren wir im Geschäft. 
Es muss irgendwann in den 80ern gewesen sein, als das Saxophon seinen solistischen Siegeszug in der Popmusik begann. Was hatten die erdige Bruce Springsteen E-Street-Band und die Popper von Spandau Ballet gemeinsam? Mit welchem Instrument verschaffte sich Kenny G. Zugang zu den Fahrstühlen dieser Welt? Welches Instrument spielte die Hauptrolle in einem berühmten Werbeclip für CD-Player? 

Was die E-Gitarre für die 70er war, war den 80ern das Saxophon. Und als es in den 90ern schon längst wieder aus den Charts verschwunden war, blieb es für viele der Inbegriff des kreativen Ausdrucks schlechthin. Saxophon, das hieß Emotionalität, Eros, Ekstase. Symbol für „das ganz andere“ in der Musik. Spontaneität und Improvisation – durch die bloße Anwesenheit eines Saxophons im Raum schien plötzlich alles möglich! Wo man heute wieder mit einer abgebildeten  E-Gitarre für Autos, Bausparverträge und Softdrinks wirbt, war in den 80ern nichts als Saxophon. Bill Clinton und Blasen – das reicht heute wahrscheinlich nicht mal für einen billigen Schenkelklopfer auf einer Herrensitzung (Na gut, da schon.) Aber erinnert sich noch jemand an den größten Fernsehauftritt des Saxophons, als der Präsident zur eigenen Amtseinführung auf dem Horn trötete?

Nach diesem Höhepunkt ging es für das Instrument bergab. Das Saxophon überlebte die letzen Jahre auf Filialeröffnungen und Präsentationen von Gastronomieverbänden; große Präsenz zeigt es auch noch an Musikschulen. Eigentlich gar keine schlechte Bilanz für ein Instrument, das medial kaum mehr stattfindet. Andere Instrumente traf es härter: Was passierte eigentlich mit dem Didgeridoo, dem heißesten Instrument der späten 90er? Ich kenne unter meinen Musikerkollegen, niemanden, der damit seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Lässt sich denn schon absehen, welches Instrument in den kommenden Jahren boomen wird? Könnte der E-Gitarre vielleicht ein ähnliches Schicksal bevorstehen wie dem Saxophon? In der Werbung und an den Musikschulen dominiert sie heute so gut wie konkurrenzlos. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir im Gefolge der „Neuen Bürgerlichkeit“  bald das unerwartete Comeback der Orchesterinstrumente – viele Saxophonisten haben übrigens schon zur Klarinette gewechselt. Mein Tipp: Der Himmel könnte bald voller Celli hängen.

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