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Im Gitarrenladen

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Schnell ging es nicht mit dem Erwachsenwerden. Viele von uns werden wohl auch in zehn Jahren nicht auf Converse-Turnschuhe, Röhrenjeans und Retro-Trainingsjacke verzichten können. Und dann all die kleinen Spielzeuge in unserm Alltag, mit denen wir zwar arbeiten sollten, die wir am Ende aber eher zum Daddeln nutzen. Oder wir erfreuen uns an der Schönheit des Designs. Nicht, dass dagegen was zu sagen wäre. Schon gar nicht als Musiker. Wir haben schließlich irgendwann die Entscheidung getroffen, dass wir uns lebenslang mit dem Spielzeug beschäftigen wollen, das uns seit Kindheit oder Pubertät fasziniert. Und so haben wir halt eine offizielle Entschuldigung dafür, dass wir auch mit fortschreitendem Alter in Spielwarengeschäften rumhängen dürfen. Nur heißen diese Läden bei uns „Musikgeschäft“. Bei den Streichern und Bläsern sind diese oft an eine Werkstatt angeschlossen und die Gestaltung des Geschäfts nimmt sich ausgesprochen nüchtern aus. Dann gibt es noch die Piano-Häuser, die immer noch ein wenig bildungsbürgerliche Patina des 19. Jahrhunderts verbreiten.

Ganz anders dagegen ein Gitarrenladen. Schon die Auslagen der Schaufenster bieten dem Auge des Betrachters so viele Farben, dass man den Vergleich mit dem Spielzeugladen nicht scheuen muss. Bei den Instrumenten selber dominieren meist noch dunkle und gedeckte Farben, dafür kommen die vielen kleinen Effektgeräte wesentlich schriller daher. „Spiel mich, und dann wird auch dein biederes Blues-Solo bunter“ suggerieren sie uns. Bei den Verstärkern dominiert das Retro-Outfit. Wenn der Sound schon digital statt von den alten Röhren erzeugt wird, so soll uns wenigstens das Gehäuse in die guten alten Zeiten von Jimmy Page, Ritchie Blackmore oder Jimi Hendrix zurückversetzen.

Ein Besuch im Gitarrenladen ist ein Fest für alle Sinne. Irgendjemand probiert einen Verstärker aus und man kann wetten, dass man einen der folgenden Songs hört: Metallicas „Enter Sandman“ (E-Gitarre, verzerrt), Nirvanas „Smells like teen spirit“ (E-Gitarre, verstimmt) oder Pink Floyds „Wish you were here“ (12-saitige Akustik-Gitarre, extrem verstimmt). Es verfolgt einen überall: Hits, Hits, Hits. Auf Stadtfesten („Spielt mal I will survive!“) und während des Unterrichtens („Wie lange dauert es, bis ich Tears in Heaven spielen kann?“), warum sollte es im Gitarrenladen anders sein?

Wer immer noch glaubt, Rockmusik habe nichts mit Kapitalismus zu tun, der lausche einmal den Gesprächen im Gitarrenladen, in denen es in der Regel um Instrumentenpreise, Dollarkurs und Chinaimporte geht. Dauerbrenner ist aber die Idee vom „warmen Sound“. Das Gegenteil davon: „Klingt wie Plastik“. Alles, was man hier kauft, kann nur das eine oder das andere sein.

Gitarrenläden sind Sehnsuchtsorte. Und am größten ist die Sehnsucht nach dem Authentischen. Dazu kommt ein fast religiöser Glaube an die magischen Klangeigenschaften bestimmter Produkte. Erinnert ein bisschen an Apple. Die haben ja jetzt schon den Gitarrenunterricht für sich entdeckt. Über das Apple-Programm „Garage Band“ kann man Videos downloaden, auf denen Sting, Clapton oder Slash höchstpersönlich ihre Songs erklären. Auf welche Ideen würde Steve Jobs wohl in einem Gitarrenladen kommen? Einen anderen musikalischen Sehnsuchtsort hat Apple mit I-Tunes ja auch schon erfolgreich digitalisiert: den Plattenladen.

Posted by Andre Schmidt - 16. 03. 2009
Kunst und Pädagogik

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Alle haben es getan. Bach, Mozart, Ellington, Weill, Sting. Und doch wird so selten darüber geredet. Ist es denn so ein schreckliches Geheimnis? Ein Tabu? Egal, wir sprechen es mal aus: Musiker unterrichten. So, jetzt ist es raus. Die meisten Musiker, die Miete zahlen, haben Instrumentalschüler, dirigieren Laien-Chöre oder leiten Feuerwehr-Big-Bands. Zugegeben: Das strengt zuweilen an. Manchmal bereitet es ein großes Vergnügen. Aber die meiste Zeit ist es normal. Trotzdem trifft man hin und wieder auf Kollegen, denen es unangenehm ist, darüber zu reden, dass sie „es“ tun: Unterrichten.

Der Gegensatz von Kunst und Pädagogik: Wer an einer Musikhochschule studiert, lernt ihn schnell kennen und fügt sich demütig in eine scheinbar Gott gegebene Hierarchie ein. Am größten ist das Renommee der rein künstlerischen Abschlüsse. Es folgen die Instrumental-Pädagogen und Schlusslicht sind die Schulmusiker. Es gilt die Regel: Je mehr Pädagogik, desto weniger Ansehen. Tragischerweise heißt es jedoch später außerhalb des Mikrokosmos Musikhochschule: Je mehr Pädagogik, desto mehr Festanstellung. Und da knicken manchmal sogar die wildesten Künstlernaturen ein. Dankbar nimmt man dann ein Quereinsteiger-Angebot an einer Gesamtschule an, oder zieht in eine ländlich abgelegene Region, um noch eine der seltenen Festanstellungen an einer Musikschule zu ergattern. Oder es bahnt sich schon während des Studiums eine Verbindung von kulturellem und BAT-Kapital an: Diplom-Jazz-Posaunist heiratet Schulmusikerin. Oft treffen sich die alten Kommilitonen mit ihren künstlerischen, instrumentalpädagogischen und Schulmusik-Abschlüssen am Kaffeeautomat einer Musikschule wieder.

Groß ist die Kunst, klein der Mikrokosmos. Draußen in der freien Wildbahn fallen die Unterscheidungen weniger subtil aus. All die feinen Begrifflichkeiten, die für Musiker auf der Skala persönlicher Eitelkeiten unendlich weit voneinander entfernt liegen, erscheinen den meisten Leuten so unverständlich wie die Gesundheits-Reform. „Musikschule oder Musikhochschule – gibt es da einen Unterschied?“ „Diplom-Schlagzeuger, aha – Kann man das wirklich studieren?“ Wer schon mal auf einem Juristen-Ball gespielt hat, wo manche Leute erst in den Beifall einstimmen, nachdem sie sich vergewissert haben, dass ihr Vorgesetzter auch applaudiert, sollte dankbar dafür sein, dass künstlerische Hierarchien eher feinnervig verlaufen. Und die meisten Leute behandeln Musiker ohnehin gleichwertig: Im wunderschönen Monat Mai, an einem Samstag irgendwo auf dem Land; zur Familienfeier spielt ein Streichquartett, eine Jazz-Combo oder eine Cover-Band. Zur Begrüßung fällt dann oft der Satz: „Ah, da kommen die Musikanten!“

Posted by Andre Schmidt - 24. 11. 2008
Kollege Berlusconi

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Anlässlich eines USA-Besuchs bei George W. Bush hat Silvio Berlusconi es wohl buchstäblich so richtig krachen lassen: Während seines Toasts soll das Pult zusammengebrochen sein. Ein erfahrener Entertainer wie er lässt sich natürlich nicht beirren und geht mit einer nonchalanten Geste darüber hinweg.

Instabile Pulte und rutschige Parkette: Für tourende Musiker bietet das Leben noch ganz andere böse Überraschungen. Da wird etwa der Schlagzeuger von der piccoloseeligen Mutter der Braut sexuell belästigt. Oder man spielt auf einer Trauungszeremonie mit Blick zum Publikum und während sich die Braut mit dem Gesäß in ihrem Stuhl verkeilt hat, muss man mühsamer als die römischen Soldaten in „Life of Brian“ das Lachen unterdrücken. Über ähnlich launige Anekdoten dürfte auch Kollege Berlusconi verfügen, der sein politisches Handwerk als Sänger auf Kreuzfahrtschiffen gelernt hat. Seine Karriere als Musiker verfolgt er nach wie vor weiter, zur Zeit arbeitet er gerade an seiner dritten Platte, die pünktlich zu Weihnachten erscheinen soll.

Die Geburt des Populisten aus dem Geiste der Musik; zwischen den Berufen Politiker und Musiker muss man nicht lange nach Parallelen suchen. Auf Messen, Stadtfesten und vor Verbänden lernen beide die Bedürfnisse eines breiten Publikums kennen und verinnerlichen die Lektion: Hits, Hits, Hits. Das Publikum feiert sein eigenes Gedächtnis. Unser „I will survive“ entspricht dem „Mehr soziale Gerechtigkeit!“ eines Politikers, unser „I feel good“ wird zu „Mit uns gibt es keine Erhöhung der Mehrwertsteuer!“ Die Songs wie die Slogans hat man schon oft gehört, man erkennt sie sofort und kann ohne große Anstrengung gleich mittanzen.

Posted by Andre Schmidt - 18. 10. 2008
Kleine Instrumentenkunde

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Wenn ich vor fünf Jahren mit Veranstaltern wegen einer kommerziellen Mucke (Hotel, Hochzeit, Ausstellung) telefonierte, galt es erst mal rauszufinden, ob eine Besetzung mit Gesang oder rein instrumental gewünscht wurde. Im letzteren Fall fiel es nie schwer, ein verlockendes Angebot zu machen: Möglichst beiläufig erwähnte ich das Instrument, von dem ich aus Erfahrung wusste, dass es alle Veranstalterherzen sofort höher schlagen lässt: „Ich könnte Ihnen da eine Besetzung mit Saxophon anbieten.“ Ein unschlagbares Argument, schon waren wir im Geschäft.


Es muss irgendwann in den 80ern gewesen sein, als das Saxophon seinen solistischen Siegeszug in der Popmusik begann. Was hatten die erdige Bruce Springsteen E-Street-Band und die Popper von Spandau Ballet gemeinsam? Mit welchem Instrument verschaffte sich Kenny G. Zugang zu den Fahrstühlen dieser Welt? Welches Instrument spielte die Hauptrolle in einem berühmten Werbeclip für CD-Player?

Was die E-Gitarre für die 70er war, war den 80ern das Saxophon. Und als es in den 90ern schon längst wieder aus den Charts verschwunden war, blieb es für viele der Inbegriff des kreativen Ausdrucks schlechthin. Saxophon, das hieß Emotionalität, Eros, Ekstase. Symbol für „das ganz andere“ in der Musik. Spontaneität und Improvisation – durch die bloße Anwesenheit eines Saxophons im Raum schien plötzlich alles möglich! Wo man heute wieder mit einer abgebildeten  E-Gitarre für Autos, Bausparverträge und Softdrinks wirbt, war in den 80ern nichts als Saxophon. Bill Clinton und Blasen – das reicht heute wahrscheinlich nicht mal für einen billigen Schenkelklopfer auf einer Herrensitzung (Na gut, da schon.) Aber erinnert sich noch jemand an den größten Fernsehauftritt des Saxophons, als der Präsident zur eigenen Amtseinführung auf dem Horn trötete?

Nach diesem Höhepunkt ging es für das Instrument bergab. Das Saxophon überlebte die letzen Jahre auf Filialeröffnungen und Präsentationen von Gastronomieverbänden; große Präsenz zeigt es auch noch an Musikschulen. Eigentlich gar keine schlechte Bilanz für ein Instrument, das medial kaum mehr stattfindet. Andere Instrumente traf es härter: Was passierte eigentlich mit dem Didgeridoo, dem heißesten Instrument der späten 90er? Ich kenne unter meinen Musikerkollegen, niemanden, der damit seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Lässt sich denn schon absehen, welches Instrument in den kommenden Jahren boomen wird? Könnte der E-Gitarre vielleicht ein ähnliches Schicksal bevorstehen wie dem Saxophon? In der Werbung und an den Musikschulen dominiert sie heute so gut wie konkurrenzlos. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir im Gefolge der „Neuen Bürgerlichkeit“  bald das unerwartete Comeback der Orchesterinstrumente – viele Saxophonisten haben übrigens schon zur Klarinette gewechselt. Mein Tipp: Der Himmel könnte bald voller Celli hängen.

Posted by Andre Schmidt - 02. 09. 2008
Traumpartner

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Sympathischerweise steht der Mann von Angela Merkel so gut wie nie im medialen Rampenlicht. Tatsächlich kommt Joachim Sauer in der Öffentlichkeit sogar so selten vor, dass ihn ein Kabarettist mal „das Phantom der Uckermark“ nannte. Nun ja, es gibt doch wesentlich schlimmere Spitznamen.

Da einem die Leute ja immer so schnell Musiker-Klischees um die Ohren hauen, möchte ich mir jetzt auch mal ganz klischeehaft vorstellen, wie der Alltag als Ehepartner eines Staatschefs so abläuft. Müsste doch ein ganz entspanntes Leben sein. Na gut, ab und zu mal eine Dienstreise, aber ansonsten bleibt sicher noch Zeit um sich finanziell sorgenfrei um sein Privatleben zu kümmern. Klingt also für viele Musiker ganz interessant.

Und wenn man mal nach Frankreich fährt, kann man sogar eine Songwriter-Kollegin treffen, die auch mit einem Staatschef verheiratet ist. Wäre das nicht cool? Die Ehepartner müssen sich über Ratifizierung von EU-Verträgen und den Ärger mit dem Wahlvolk unterhalten, während man selber mit Carla Bruni über Handwerkliches plaudert: warum etwa französische Frauen immer dermaßen nah man am Mikro singen, dass sie dabei immer so lolitahaft-obszön klingen. Selbstverständlich würde man – ganz staatsmännisch-diplomatisch –  nicht mit Lob sparen: „Toller Reim, den Sie da auf Comme si de rien n’etait verwenden; tu es ma cheri/tu es mon orgi!“ Ich wüsste nicht mal, wie ich das gescheit auf Deutsch sagen würde. Schon gar nicht, wie ich das der Öffentlichkeit erklären würde. Mit so einem Text würde ich mich als Staatschef-Ehepartner jedenfalls nicht zu Beckmann trauen; Erinnerungen werden wach an den verliebt im Pool planschenden Scharping.

Beim Staatsbesuch in Italien käme dann womöglich Berlusconi persönlich auf einen zu, ließe die politischen Tagesgeschäfte gleich unter den Tisch fallen und würde ausschließlich über Musik sprechen wollen. Hat doch der singende Silvio selbst einen Song rausgebracht, der auf Deutsch so viel wie „Gut, dass es Silvio gibt“ heißt. Wie mir eine in Italien lebende Freundin berichtete, ist der Titel keineswegs ironisch gemeint. Aber wie jeder Songwriter weiß: Das Texten ist eben immer das Härteste am Liederschreiben.

Posted by Andre Schmidt - 22. 07. 2008
Sitcom und Songwriting

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Was wäre das Leben ohne Seinfeld! Und jetzt auch noch auf DVD! Und seit Ende letzen Jahres endlich: komplett! Eine weitere großartige zivilisatorische Errungenschaft des DVD-Zeitalters. Davon hätte ich damals nicht zu träumen gewagt, an jenen manischen Montagen, als ich die Serie in mühseliger Kleinarbeit auf 18 VHS-Kassetten archivierte. Und dann immer das nervige Spulen, wenn ich mal wieder jemandem meine Lieblingsfolgen vorspielen wollte. Ist „Die Wurstschneidemaschine“ auf derselben Kassette wie „Der Frogger“?  Wo finde ich die Szene, in der Kramers Vorname enthüllt wird? Und in welcher Folge feiert Georges Vater noch mal „Festivus“ statt Weihnachten?

Als technisch-behinderter Mensch kann ich nicht realistisch beurteilen, wie nahe wir dem  Ende des DVD-Zeitalters bereits gekommen sind. Wie auch immer das Speichermedium der Zukunft heißen wird – voller Gier träume ich jetzt von einer Ära, in welcher der komplette Seinfeld  auf einer einzigen Disc Platz findet. Dann könnte man mit nur einem Knopfdruck  von den frühen Larry David-Perlen wie „Der Wettbewerb“ zu den späten Glanzlichtern wie „Kramers Talkshow“ wechseln.

Muss man auf einem Liedermacher- und Songwriter-Blog über „Seinfeld“ schreiben? Unbedingt. Denn aus dem reichhaltigen Bonus-Material erfährt man, dass Sitcom-Autoren oft ein ähnliches Problem haben, wie wir Liederschreiber: Alles beginnt mit einer ganz netten Idee, die aber leider nicht ausreicht und irgendwann nach dramaturgischer Steigerung verlangt. So sind für mich die Texte für zweite Strophen oft die Hölle. Zu wenig Entwicklung, kaum Unterschiede zur ersten Strophe, und meine vermeintlich so clevere Idee verlangt nach einer cleveren Ausführung. Doch die Audiokommentare der DVD-Box bieten Tröstliches: Selbst die Meisterschreiber von Seinfeld bekennen, im zweiten Akt hart gegen das Stagnieren der Folge ankämpfen zu müssen. Tja, zweite Strophen, zweite Akte: in Wirklichkeit viel härter als ein starker Einstieg. Seinfeld-Fans denken jetzt sicher an George und den „Abgang auf dem höchsten Niveau“: Wann immer George eine gute Pointe gelungen ist, fürchtet er, den guten Eindruck wieder zu vermasseln und verlässt sofort den Raum. Wäre das vielleicht auch was für Liedermacher?

Posted by Andre Schmidt - 04. 04. 2008
I will survive

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Allmählich werde ich wohl zu alt für den Job des dienstleistungsbeflissenen Cover-Musikanten. Irgendwann bringe ich da mal was durcheinander. Manchmal spielt man nämlich auf Veranstaltungen, bei denen man nicht weiß, ob es sich um eine Hochzeit oder eine Beerdigung handelt. „Hochzeit natürlich. Was soll die dumme Frage?“ so der Bandleader zu mir. Als ob das beim ersten Blick so offensichtlich wäre. Da ich aber nur der eingekaufte Vertretungsgitarrist bin, stelle ich besser nicht noch mehr Fragen.

Welches Fest auch immer – oft gibt die Form den Inhalt  vor, und zur Form gehört für manche Leute dann die Live-Band. Ein Teil der Gäste würde aber viel lieber den ganzen Abend die Salsa-CD hören, die sie ja erst ungefähr 37 000 Mal zu Hause gehört haben. Andere Gäste - die Generation über 70 -  findet die Musik grundsätzlich zu laut. Wobei diese Herrschaften aber wenigstens tolerant sind was die Musikrichtung angeht – sie empfinden auch ein Sreichquartett als ohrenbetäubenden Lärm. In irgendeiner Ecke des Saals finden sich dann noch ein paar Vertreter der Altrocker-Fraktion, die dem Anlass entsprechend Schlips und Sakko (oft sehr farbenfreudig) zu Jeans und Bikerstiefeln (man will sich schließlich treu bleiben) tragen.

Ich muss wohl nicht näher ins Detail gehen, um zu verdeutlichen: Das wird kein leichter Job werden. Schließlich wüsste ich von keiner gitarrenlastigen Latinonummer, am besten von Robbie Williams gesungen, die auch mit einer Dezibelzahl kurz unterhalb der Wahrnehmungsschwelle noch so richtig kracht.

Und dennoch gibt es sie, die Wunderwaffe für alle Anlässe: I will survive. Wenn nix mehr geht, I will survive geht immer. Immer. Was ist dran an diesem Song, das er zu jedem Anlass funktioniert? Jenseits der Kategorien Alter, Schicht, Musikgeschmack: Alle tanzen zu I will survive.

Es ist mir in all den Jahren noch nie passiert, dass der I will survive-Funken nicht übergesprungen wäre. Ich hoffe, ich werde nicht so lange Mucken spielen müssen, bis dieser Tag einmal kommen wird.

Posted by Andre Schmidt - 17. 03. 2008
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Zimmer 16: Vom Liedermacher zum Liederfritzen

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Mitten in Pankow liegt das “Zimmer 16″. “Pankof” höre ich Adenauer sagen. Ich will ja jetzt niemanden mit Zahlen langweilen, aber trotz Berlin-Marathon waren heute mehr als doppelt so viele Leute da als bei meinem letzten Berlin-Gig im Mai. Nach dem Konzert erklärt mir Rainer vom “Zimmer 16″ den “Volvo-Horizont” (Bei Staatsbesuchen in der DDR wurden die Häuser immer nur bis zum zweiten Stock renoviert - so weit also, wie man aus einem Volvo, dem offiziellen Fahrzeug bei solchen Anlässen, blicken konnte.), die heiße Schlacht um die Namensgebung des Bezirks und Angela Merkels ostdeutschen Polit-Taktik-Vorsprung. Wer mehr wissen will, schaut am besten mal selber vorbei, denn das “Zimmer 16″ lohnt einen Besuch und bietet “Liederfritzen” (Rainer) sehr gute Auftrittsbedingungen.

Hm, “Liederfritzen” ist eigentlich gar keine schlechte Alternative für die Bezeichnung “Liedermacher”, mit der ich mich nie so ganz anfreunden konnte. Der Name bietet den Vorteil, dass ihn auch die englischsprachige Welt gut aussprechen könnte. Außerdem könnten gerade die Engländer sich darunter was vorstellen. Das Wort “Lied” gibt es ohnehin schon als Lehnwort und “Fritz” kennen die Briten sowieso. Ich erinnere nur an die englische Boulevard-Schlagzeile vor dem EM-Halbfinale England-Deutschland von 1996: “For you Fritz, ze Euro is over”. Nun ja, das stimmte sogar fast, es gab allerdings noch ein Spiel mehr für Deutschland, remember Mr Southgate?

Übrigens: Was heißt “Ötzi” auf Englisch? Kein Witz: “Frozen Fritz”.

Posted by Andre Schmidt - 01. 10. 2007